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Konstantin Wecker

mit seinem Programm:
"Ich gestatte mir Revolte"


Damian Zydek und Ulrich Meining, Klavier


Staatstheater Darmstadt
» www.staatstheater-darmstadt.de


Die Wecker-Generation

Ich erinnere mich noch genau, wie ich im zarten Alter von 19 Jahren irgendwo in der mittelfränkischen Provinz saß, und mit meiner besten Freundin über eine Platte redete, die wir derzeit ständig hörten. Es war das Jahr 1979, und die Platte hieß „Eine ganze Menge Leben“. Das erste Stück mit dem Titel „Es ist schon in Ordnung“ beschäftigte uns besonders: Ein süffisant-ironischer Abgesang auf den Obrigkeitsstaat, in dem es „schon in Ordnung ist, dass jemand bestimmt und regiert“. In dem Stück herrschte eine Stimmung wie im Hexenkessel. Die Verse wurden mit einer dermaßenen Intensität mehr gesprochen als gesungen, dass mir heute noch ein Schauer über den Rücken läuft, wenn ich den Text nur lese. Für uns als erklärte „Alternative“, die lieber ein soziales Jahr machten als zu studieren, gegen Atomkraftwerke und den Nato-Doppelbeschluss demonstrierten und gleichzeitig ohne Bedenken auf Kosten unserer Eltern lebten, war das genau das richtige Futter. „Aber was soll dieses komische lalala am Ende des Liedes?“ fragte ich meine Freundin. Dort gab es nämlich eine merkwürdig ungebrochene, äußerst penibel vorgetragene Chorpassage. Mehrere hohe Stimmen sangen exakt, gemeinsam und ohne Text – eine hohle Phrase. Susanne dachte nach: „Naja, vielleicht sind das eben die Leute, die bloß gehorchen.“ – „Hm,“, sagte ich, „könnte sein.“

Soeben hatten wir freiwillig erstmals musikalische Strukturen auf ihren Gehalt hin befragt und interpretiert. Vollbracht hatte dieses Wunder ein – ja, ein was eigentlich? Ein bayerischer Liedermacher? Wohl kaum. Ein politischer Liedermacher? Auch irgendwie nicht. Ein Multitalent, das sich mit Leib und Leben der Musik und dem ihm eigenen aufbegehrenden Temperament verschrieben hatte? Es ist fast nicht möglich, das Phänomen Konstantin Wecker zu rubrizieren, in ein paar passende Worte zu kleiden. Und möglicherweise ist es genau das, was die Sogkraft, die von diesem Künstler ausgeht, bewirkt. Konstantin Wecker hat einen Stuhl besetzt, von dem wir vorher gar nicht wußten, dass er frei war.

„Ich lebe immer am Strand“ (K.W.)

Als Konstantin Wecker Mitte der 70er Jahre wie ein Komet in die deutsche Liedermacherszene einbrach, machte er von Anfang an deutlich, dass er nicht bereit war, sich in die von den Deutschen so geliebten Kategorien einzufügen -

konsequenterweise zog er nur wenige Jahre nach seinen ersten Erfolgen in die Toskana. So etwas wie Wecker hatte es in Deutschland vorher nicht gegeben: Einen Mann, der auf Deutsch sang, bisweilen auch noch mit stark bayerischem Einschlag, und dabei nicht peinlich wirkte; einen Mann, der ein solches Maß an Lebenslust mit jeder Silbe, die er aussprach, verbreitete – egal ob es um Politik, um gesellschaftliche Strukturen oder um die Liebe ging. Mit Wecker war ein Mann auf deutsche Bühnen getreten, der immer eine deutliche Haltung einnahm, ohne moralisch zu werden, ohne den Macker rauszukehren – ja, und der letztendlich hoffnungslos romantisch werden konnte, und über Liebe und Sex singen konnte, ohne in Kitsch und Herzschmerzfloskeln zu verfallen.

Schließlich blieb der aus der Filmstadt München gebürtige Wecker dann auch nicht beim Texte- und Liederschreiben. Es entstand Filmmusik, plötzlich war er auch vor der Kamera anzutreffen, schrieb Theaterstücke, machte die Musik dazu, plötzlich gab es ein Buch, ein eigenes Café in München – Wecker war überall und er war es mit Erfolg.

„Die eigene Seele ist ständig zu überprüfen“ (K.W.)

Heute, fast 30 Jahre nach seiner ersten Platte, ist er es immer noch. Die unglaubliche Intensität, mit der Konstantin Wecker lebt, die immense Kreativität, die permanent aus dem heute 58jährigen sprudelt, sind ungebrochen. Doch es hat sich auch etwas verändert. Viel hat sich geändert, und das ist auch gut so. „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ – so hat es sein Kollege Wolf Biermann einmal gesagt – und in diesem Sinne ist „der Wecker“ sich heute so treu wie im Jahr 1976.

Natürlich war es vor allen Dingen der Prozess um Drogenbesitz, der das Bild des Künstlers Mitte der 90er Jahre nachhaltig erschütterte. Doch hier zeigte sich nun in aller Deutlichkeit, dass Wecker nicht nur andere zum Aufrühren und Umdenken aufforderte, sondern dass er auch bereit war, solche Prozesse in sich selber anzustoßen. Er setzte sich intensiv mit den Mechanismen des Drogenkonsums auseinander, und schrieb ein Buch zum Thema. Heute sagt er, dass ihm der Gefängnisaufenthalt das Leben gerettet habe.

„Ich schreibe immer aus der Inspiration heraus“ (K.W.)

Immer im Fluss, im Verändern und Werden, ist der Künstler Konstantin Wecker. Im Gegensatz zu Idolen der Rockmusik wie Mick Jagger oder der Klassik-Jazz-Ikone Jaques Loussier, ist er bereit, seine Positionen zu hinterfragen. Hier gibt es kein Erfolgsrezept, das, einmal gefunden, ein Leben lang dasselbe bleibt. Konstantin Wecker nimmt wahr, dass die Welt sich ändert, die Zuhörer jünger oder älter werden. Bei Wecker spürt man immer, auch am heutigen Abend, dass er sich ständig neu positioniert, dass er bereit ist, Veränderungen wahrzunehmen, und auf sie zu reagieren. In diesem Sinne ist der Genussmensch Wecker ein konsequent politischer Künstler.

Bestes Beispiel für diese Wandlungsfähigkeit ist der Umgang mit dem „Willy“: „Dieses Lied, einst gegen die Nazis in Deutschland geschrieben, ist nun fast drei Jahrzehnte alt.“, so Wecker im Gespräch mit Martina Krüger anläßlich der Premiere des Revolte-Programms im vorpommerschen Zinnowitz. „Damals haben sie den Willy erschlagen. Seither gehe ich sozusagen immer mal wieder an Willys Grab und erzähle ihm von den neuesten Entwicklungen in der Welt. Inzwischen gibt es die fünfte Version dieses ‚talking blues‘, dessen Inhalt aus momentanen Eingebungen, Tagebuchgedanken, Gesprächen mit Freunden entsteht. Die erste Version entstand, als Amadeu in Eberswalde erschlagen wurde. Später folgten Gedanken zu den Kriegen im Kosovo und im Irak.“

Es ist diese Konsequenz im Denken und Handeln Weckers, die seinem ungestümen Klavierspiel, seinem fast manisch zu nennenden Singen Aussagekraft und Tiefe geben. Und da erscheint es als eine geradezu notwendige Konsequenz, dass so einer wie Wecker sich irgendwann in seinem Leben auch intensiv mit der Literatur Anderer beschäftigt. Das Thema ist natürlich klar – Revolte!

„Die Verweigerung von Respekt steht am Anfang aller Totalitarismen“ (K.W.)

1998, Wecker war inzwischen über 50, startete er zum 100. Todestag von Bertolt Brecht das Projekt Wecker/Brecht. Es entstanden neue Brecht-Vertonungen – ein Jahrhundertprojekt, wenn man an die Größe Brechts denkt, und an die Größen, die sich an diesen Texten versucht haben. Doch Wecker ging mit der ihm eigenen Nonchalance an den Kollegen im Geiste heran, und befreite ihn auf zahlreichen Veranstaltungen vom Staub allzu ehrwürdiger Bewunderung. Nachdem Wecker sich erst einmal mit der literarischen Vergangenheit Deutschlands auseinandergesetzt hatte, begann er tiefer zu tauchen, um nach ein paar Jahren mit einem ganzen Literaturprogramm wieder aufzutauchen.

Für viele wird er eine Überraschung sein – der lesende Wecker, von Klavierklängen unterbrochen, die man so gar nicht mit ihm in Verbindung bringen will. Die Idee für dieses außergewöhnliche Projekt stammt von Peter Meining, dem Bruder des Pianisten. Hinter der scheinbaren Willkür der Musikauswahl steckt subtiles Kalkül, das den Zuhörer sanft auf das Kommende vorbereitet, die Wogen glättet, oder auch einfach zum entspannten Musikgenuss einlädt. Mit den Texten, die Wecker ausgewählt hat, überrascht er seine Zuhörer nicht. Mühsam und Brecht, Villon, Dostojewski und sein geliebter Oskar Maria Graf bezeugen von der literarischen Revolte deutscher Schriftsteller und ihrer Kollegen aus Frankreich und Russland.

Wer hätte das gedacht, dass er jemals an einem Abend ein Klavierstück von Mozart und Konstantin Weckers Stimme hören würde? Dass er sich in die wunderschön innige Choralbearbeitung „Jesu meine Freude“ würde vertiefen können, um dann von Weckers Stimme aufgeschreckt zu werden? Und - letzte Frage -: Wer hätte gedacht, dass Texte aus dem 19. Jahrhundert noch einmal eine solche Intensität für ihn gewinnen könnten? Nein, um ehrlich zu sein, an so etwas denken mag man kaum, aber möglich ist es. Und das Mögliche Realität werden zu lassen, war schon immer eine Spezialität des Konstantin Alexander Wecker.

Mirjam Schadendorf