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Ungarische Kulturgeschichte

Die Geschichte der Sinti und Roma in Europa war lange nur die Geschichte der Zigeuner. Und es war eine Geschichte von Verfolgung und Unterdrückung, mit gelegentlicher Lockerung und Akzeptanz der scheinbar fremden Volksgruppen, die jedoch nie lange genug anhielt, um ein echtes bürgerliches Miteinander zu schaffen. Die einzige Ausnahme bildet hier Ungarn, das schon im ausgehenden Mittelalter ein anerkennendes Verhältnis mit den Sinti und Roma ihres Landes einging. Der Grund für diese zunehmend erstarkende Symbiose war die musikalische Begabung der Roma bzw. die fehlende Nationalkultur der Ungarn, die schließlich im 19. Jahrhundert durch die verlorenen Türkenkriege ihre staatliche Selbständigkeit verloren.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die ungarische Kulturgeschichte die Präsenz der Zigeunerkapellen, die zunächst zu zweit und zu dritt anzutreffen sind, als fahrendes Volk unterwegs. Aus dem sporadischen Spiel auf öffentlichen Plätzen wurde rasch eine feudale Kultur. Zigeunerkapellen sind im 16. Jahrhundert an vielen Höfen und in aristokratischen Kreisen anzutreffen. Als im Jahr 1599 der Woiwode Michail von der Walachei einen Festzug ausrichtet, wird von der außergewöhnlichen Pracht der zehn Zigeunerkapellen berichtet, die an dem Zug teilnehmen.

Die Frau des Schmieds

Im 18. Jahrhundert wird erstmals über einen berühmten ungarischen Zigeunerprimas berichtet bzw. über eine -primadonna, denn die erste bekannte Geigerin einer Romakapelle war eine Frau: Panna Czinka, die 1772 verstorbene Frau eines Schmieds. Sie half ihrem Mann nicht nur beim Handwerk, sondern leitete auch als erste Geigerin die kleine Kapelle, in der ihr Mann den Kontrabass spielte. Die Kapelle bestand traditionell aus einer ersten Geige, einer zweiten „Kontra“-Violine, einem Zymbalspieler und einem Kontrabassisten. Diese Besetzung ist typisch für die Zigeunerkapellen und hatte sich im 19. Jahrhundert schließlich als Standard durchgesetzt.

„Mes charmants et excellents collègues“

Mit einer ausschließlich auf mündlicher Überlieferung basierenden Musizierpraxis und einer ungebrochenen Traditionskette begeisterten die Roma-Musiker im 19. Jahrhundert schließlich ganz Ungarn. Ihre besondere Spielweise, die bis heute nicht in Worte zu fassen ist, gepaart mit einer ungeheuren Virtuosität, galt als unübertroffen und wurde schließlich zum ungarischen Kulturgut. Zu dieser Zeit war es ein ungarischer Musiker, Franz Liszt, der sich überschwänglich über die Musik der Roma äußerte: „Mes charmants et excellents collègues“. Natürlich nahm der eitle Komponisten-Virtuose dieses Kompliment auch gleich für sich selber in Anspruch: Er selbst sei der „1er Zigeuner du royaume de Hongrie“, so hat er es einmal geschrieben und gegenüber der Fürstin Wittgenstein bezeichnete er sich als „zu einer Hälfte Zigeuner, zur anderen Franziskaner.“
Auch wenn Franz Liszt es nicht lassen konnte, und Tugenden für sich vereinnahmte, die ihm nicht direkt zukamen, in einem Punkt ist ihm sicherlich auch heute noch Recht zu geben: In seiner Begeisterung für die besondere Präsenz, die die Musik einer Roma-Kapelle auszeichnet. Die Art und Weise, wie die Musiker, allen voran der erste Geiger, aus einem einmal aufgenommenen Motiv sofort eine Variation, eine Ableitung und schließlich eine Improvisation beginnen. Dieses phänomenale „hörende Improvisieren“ ist eine Folge der über Jahrhunderte andauernden direkten Weitergabe von Melodien und Musizierformen. Keine störende Schriftlichkeit verhinderte die Weitergabe dieser besonderen Spielweise, die über lange Zeit tatsächlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Wo der berühmte Komponist jedoch nicht ganz im Recht war, waren seine Beobachtungen zum musikalischen System der Roma-Musiker: Der Tonvorrat, der durch zwei übermäßige Sekundschritte in den Tonleitern gekennzeichnet wurde, stammte ursprünglich nicht aus der Kultur der Roma, wie Liszt fälschlicherweise annahm. Das „Zigeuner-Moll“, wie es noch bis heute in den Schulbüchern für den Musikunterricht gelehrt wird, ist eine Eigenart der türkischen Musik, die über den Balkan nach Ungarn gekommen war.

Die Zaubergeige des János Bihari

Auch einer der Vorfahren von Roby Lakatos, der Geiger János Bihari, gehörte zu den gefeierten Musikern der Zigeunermusik 1800. Der Primas einer Roma-Kapelle war geradezu legendär im südosteuropäischen Raum. Er ist einer der Geiger, auf die sich Brahms mit seinen ungarischen Tänzen bezieht: „Von János Bihari“; so erzählt Roby Lakatos, „hat Brahms die Themen seiner ungarischen Tänze entlehnt; jeder Zigeuner kennt und spielt sie, ich habe sie selbst seit meiner frühesten Kindheit im Ohr gehabt.“
Beethoven gehörte zu den Bewunderern von János Bihari und Liszt fand blumige Worte, um die musikalischen Leistungen des Wunder-Musikers zu umschreiben: „Die Klänge seiner Zaubergeige fließen wie Thränen an unser verzücktes Ohr.“ Mit dem Wort von der Zaubergeige war gewissermaßen ein Kontinuum für die nachfolgende Rezeption der Zigeunermusik gegeben. In dieser Musik lag etwas, was sich nicht mit dem tradierten Vokabular beschreiben ließ, und so musste der Zauber herhalten, um das Erlebnis János Bihari und seiner Nachkommen angemessen zu umschreiben.
Und so blumig und übertrieben uns die schwülstige Sprache des frühen 19. Jahrhunderts vorkommen muss, wenn Sie das Programm von Roby Lakatos und seinem Ensemble gehört haben, wird Sie Ihnen in gewisser Weise angemessen erscheinen: Etwa in der Art und Weise, wie die Musiker den „Csárdás“ von Vittorio Monti interpretieren. Der Spannungsbogen dieses mehrteiligen Tanzes erstreckt sich auf nahezu alle menschlichen Emotionen. Die Energie, die die Spieler dabei antreibt, ist in jedem Moment ihres Musizierens spürbar: Melancholie, Beschleunigung, Innehalten und schließlich ein sprühender Abgesang – dies ist tatsächlich kaum noch Musik zu nennen: Zumindest nicht in dem Sinne, in dem sie an vielen Musikhochschulen gelehrt wird. Dies ist in Töne gefasste Emotion. Und in ihrer puren Reinheit ist sie im Geigenspiel des Roby Lakatos erfahrbar.

Ein neues Kapitel

Roby Lakatos, Geiger in der siebten Generation nach János Bihari, hat ein neues Kapitel in der Musik der Roma und Sinti aufgeschlagen. Diesem außergewöhnlichen Künstler ist etwas gelungen, was über Jahrhunderte kaum jemand außerhalb Ungarns für möglich gehalten hätte: Die Verschmelzung der traditionellen Techniken der Zigeuner mit der klassischen Technik. So wurde dem jungen Roby zwar als Kind das Geigenspiel in der Tradition seiner Vorväter beigebracht, mit neun Jahren trat er das erste Mal mit einer Zigeunerkapelle auf. Doch mit seiner Ausbildung an der Musikhochschule von Budapest schlug er gleichzeitig einen scheinbar anderen Weg ein. Er absolviert das Béla Bartók-Konservatorium mit Bravour, 1984 erhält er einen 1. Preis für sein Violinspiel und macht damit manchem tiefsitzenden Vorurteil (das eigentlich seit dem Erfolg eines Django Reinhardt vom Tisch sein sollte) ein Ende.
Es ist diese Verbindung mit einer festgefügten musikalischen Tradition, gepaart mit der fundierten Ausbildung einer Musikhochschule, die das Spiel des Roby Lakatos so vielschichtig macht. Nicht umsonst spricht er davon, dass er seit frühester Kindheit Melodien „im Ohr“ gehabt hat – dies ist das Ergebnis der Nicht-schriftlichen Kultur der Zigeunermusik. Hier hat der Geiger Roby Lakatos jedem Zögling einer Musikhochschule gegenüber einen immensen Vorsprung, der nicht durch Wissen oder Üben aufgeholt werden kann.

Verschmelzung der Kulturen

Roby Lakatos ist frappierend in seiner Technik, genial in seinem tiefen Verständnis für die Gestik einer Melodie und überragend in jeder Form der Improvisation. Auf diese Weise verblüfft er fast jeden seiner Hörer – denn was hier bekannt erscheint, wirkt gleichzeitig fremd. Es ist für manchen eingefleischten Konzertgänger nicht ganz einfach, sich an die Musik von Roby Lakatos und Ensemble heranzutasten – denn sie ist nicht sofort einzuordnen, nicht nur nach den Maßstäben von Ordnung und Gesetz, von Struktur und Harmonie, von Thema und Beantwortung. Roby Lakatos hat in gewisser Weise ein neues Genre geschaffen, eine hybride Musikform, schillernd zwischen klassischer Komposition und freier Improvisation. Damit hat er den Nerv unserer Zeit getroffen, in der die Traditionen des 19. Jahrhunderts in der Auflösung begriffen sind und durch Impulse aus den volksmusikalischen Praktiken erneuert und erweitert werden.
Das zeigt sich auch an der Zusammensetzung von Roby Lakatos‘ Ensemble. Längst hat man sich von der tradierten Besetzung, die ausschließlich Streichern und dem Zymbal vorbehalten war, losgelöst. Das Zymbal ist ein dem alpenländischen Hackbrett vergleichbares Instrument, das einen sehr charakteristischen metallischen Klang besitzt. In Roby Lakatos Ensemble gibt es zusätzlich ein Klavier, das gemeinsam mit dem Zymbal erfrischend neue Klänge produziert. Die Vita seiner Musiker ist in den Grundzügen mit der Ausbildung von Roby Lakatos vergleichbar. Die Künstler haben an renommierten Musikhochschulen studiert, sich oft auch zunächst von der Zigeunermusik abgewandt, um sich ihr dann in einem zweiten Schritt, auf hohem internationalen Niveau, wieder zuzuwenden.

As Time Goes By

Seit seinen ersten Erfolgen im Brüsseler Club „Les Atéliers de la Grand Ile“ ist Roby Lakatos einen weiten Weg gegangen. Das Programm, das er am heutigen Abend spielt, spiegelt diese Entwicklung in gewisser Weise wider. Hier stehen Volksmusikbearbeitungen neben Werken der europäischen Klassik. Amerikanischer Jazz wird zu hören sein, ebenso wie Pop- und Filmmusik aus dem Land der Stars und Legenden. Eigene Kompositionen von Roby Lakatos runden den Abend ab. Diese Werken zeigen deutlich, dass Lakatos nie nur ein ausübender Künstler ist, sondern dass er sich immer von der Atmosphäre, in der er lebt und arbeitet, inspirieren lässt, so dass etwas Neues entstehen kann.
Zunächst hat er sich die Konzertszene Europas erobert, hat mit zahlreichen CD-Einspielungen immer neue Genres mit dem „Gipsy-Fever“ verfeinert und weiterentwickelt.
So etwa mit seinem Filmmusik-Projekt „As Time Goes By“, für das er vor vier Jahren die legendären musikalischen Momente europäisch-amerikanischer Filmkultur noch einmal neu eingespielt hat. Gemeinsam mit Trompeter Till Brönner gibt er hier seine eigene Interpretation von „Es war einmal in Amerika“, „Der dritte Mann“ und natürlich „Casablanca“ zum Besten. Mit dieser Produktion hat die Verschmelzung unterschiedlichster Kulturen und Zeitalter stattgefunden. Hier wirken Kategorien wie „Zigeunermusik“ und „Klassik“ längst ein wenig verstaubt. Diese Musik ist Musik des 21. Jahrhunderts, in der Folklore, Weltmusik und Musik für die Medien neue und überraschende Symbiosen eingehen.

© Mirjam Schadendorf 2007