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Hans Liberg mit seinem Programm
„Basic Liberg“



Der unbekannte Musikwissenschaftler

Wussten Sie eigentlich, dass ein Teil unserer arbeitenden Bevölkerung sich als Musikwissenschaftler sein Geld verdient? Es gibt Länder, da weiß ein Großteil der Bevölkerung nicht, was ein Musikwissenschaftler resp. die weibliche Form dieser Spezies macht. Das kann ich Ihnen so genau sagen, weil ich selber zu dieser Spezies gehöre. Vor einigen Jahren war ich in Italien unterwegs und kam auf einem Weingut mit einem Amerikaner ins Gespräch. Natürlich wollte er wissen, was ich mache – das ist bei den Amerikanern so. Als ich sagte, dass ich ein Musicologist sei, starrte er mich an und fragte dann: „What does a musicologist do?“ Ich erklärte es ihm. In Deutschland ist das anders. Selbst wenn Sie einen Musikwissenschaftler vor sich hätten, würden Sie niemals fragen, was denn diese Spezies so tut. Das macht man in Deutschland nicht. Dennoch wissen es die meisten Deutschen nicht. Tatsächlich haben Angehörige dieser Fachrichtung so bedeutende Taten vollbracht wie die Werke von Wolfgang Amadeus Mozart zu zählen (Herr Köchel), die Beschaffenheit des Papiers zu testen, auf dem Johann Sebastian Bach geschrieben hat (ein Herr Dadelsen), ein großes Lexikon geschrieben, in dem alle Begriffe erklärt werden, die Musikwissenschaftler benutzen (Herr Sadie in englisch, Herr Eggebrecht in deutsch). Letzteres läßt ein wenig nachdenklich machen, was die kommunikativen Fähigkeiten der Musikwissenschaftler anbetrifft. Darüber hat sich wohl auch ein weiterer Angehöriger dieser Berufsgruppe Gedanken gemacht. Sein Lebenswerk besteht darin, kurze Abschnitte aus bekannten Werken großer Komponisten vorzuspielen (Hans Liberg).
So etwas tut ein Musikwissenschaftler eigentlich nicht, denn damit wird man dem Werk des großen Komponisten in der Regel nicht gerecht – es ist nämlich lang und kompliziert, und deswegen ist es anstrengend, zuzuhören. Das muss so sein. Das anstrengende Zuhören macht einen Teil der Größe des Werks aus. Ganz einfach. Diesen einfachen Merksatz hat der Bilderstürmer Hans Liberg aus den Angeln gehoben. Einen Aufschrei hat es deswegen nicht gegeben – Musikwissenschaftler neigen in der Regel nicht zum öffentlichen Protest. Verzückte Schreie hat Hans Liberg allerdings schon eher hervorgerufen, (alles auf der Bühne versteht sich –) und zwar bei den Leuten, die nicht wissen, was ein Musikwissenschaftler macht und die sich um die Merksätze des Musikhörens nicht scheren. Unzählige Zuhörer seiner Kabarettprogramme und Shows haben über seinen Umgang mit all den vielen Werken, die man an langen Abenden in Symphoniekonzerten hören kann, herzlich gelacht. – Ohne zu wissen allerdings, dass sie einen Musikwissenschaftler vor sich haben.

Erfolgreiche Entscheidungsschwierigkeiten

Jetzt dürfen Sie ihm aber deswegen nicht alles glauben! Das ist ja gerade sein Trick. Hans Liberg, Jahrgang 1954, schrieb sich mit 18 Jahren in der Universität seiner Heimatstadt Amsterdam für das Fach Musikwissenschaft ein, und machte sechs Jahre später dort seinen Abschluss, mit einer Diplom-Arbeit über „Scat Vocals“...?... (nein, nicht fragen, was das ist, es gibt genügend Lexika zum Nachschlagen s. S. 1)
Sechs Jahre sind eine lange Zeit, in der der junge Student mit Sicherheit viel über die große Musik der letzten 2000 Jahre und die dazugehörigen Komponisten gelernt hat.
Aber: Hans Liberg hat auch schon immer einen Hang zum Kabarett gehabt, zur Kleinkunstbühne und auch zum Jazz. Wie das alles zusammenpassen soll, hat er sich wahrscheinlich nicht gefragt, aber anstatt nach dem Diplom die Beschaffenheit von Notenpapier zu testen, war Hans Liberg als Musiker aktiv. Da er sich nicht so recht entscheiden konnte, übte er nicht nur Gitarre (das hatte er schon als Schüler getan), sondern auch noch Klavier, Trompete, Klarinette und Banjo. Und das alles spielte er dann in verschiedenen Jazzformationen. Tja, was macht jemand mit so einer fundierten Doppelbildung? Versierter Jazzmusiker einerseits und diplomierter Musikwissenschaftler andererseits. (Es versteht sich von selbst, dass für die Angehörigen der einzelnen Bildungsrichtungen Hans Liberg lediglich nur Halbbildung vorzuweisen hat.) Hans Liberg wagte sich auf die Bühne, und präsentierte drei Jahre nach seinem Studienabschluss erstmals ein halbstündiges Kabarettprogramm auf einer Kleinkunstbühne in Utrecht, dem Kikker Theater. Zuhörerzahl: 42. Das war 1981. Zwei Jahre später steht er erstmals im Finale eines Musikwettbewerbs, im Jahr darauf erhält er seine erste Auszeichnung, den Pall Mall Export Preis. Spätestens dann dürfte Hans Liberg klar geworden sein, dass es richtig gewesen war, sich nicht zu entscheiden. Sein Auftritt irgendwo in der Mitte zwischen Diplom und Jazzclub schien recht vielen Leuten zu gefallen. Heute – 25 Jahre später spielt er in ausverkauften Konzertsälen, geht mit einem ganzen Symphonieorchester auf Tournee (Symphonie Libergique) und ist mit etwas erfolgreich, das – ja, wie soll man das nennen, was das Multitalent aus Amsterdam da anstellt? Nachschlagen im Lexikon (s. S. 1) hilft hier wahrscheinlich nicht wirklich weiter.

Kleine Gedächtnislücken

Wichtig bei Hans Libergs Shows ist auf jeden Fall, dass er sich nicht mehr so genau erinnern kann, wie das ist mit der klassischen Musik. – Sein Studium ist ja inzwischen schon eine ganze Weile her, da ist das zu entschuldigen, wenn einer mal die Jahreszahlen durcheinanderbringt, und Beethoven in der Barockzeit ansiedelt, die Moderne mit dem Biedermeier verwechselt und sich einfach den zweiten Namen von Wolfgang wie hieß er noch gleich nicht merken kann. Das hängt er alles nicht an die große Glocke. So nebenbei fallen die kleinen Schnitzer zwischen die offensichtlicheren Pointen und machen deutlich, dass man es hier mit einem gebildeten Herrn zu tun hat. Lachen kann man allerdings auch nur, wenn man selbst gebildet ist (Haha).
So schlängelt sich der Niederländer mit bisweilen bösem Humor durch die Grenzgebiete von E- und U-Musik. Dabei achtet er peinlich genau auf die modernen, an Werbung und Videoclips geschulten Hörgewohnheiten („nicht zu viel Information“), trägt auch den Verkaufsstrategien der späten 90er Jahre Rechnung („das will der Kunde nicht“) und präsentiert schließlich einen Beethoven, der eben ein wenig kürzer ist, aber dafür gekauft, äh gehört wird. Wenn Sie nun aber glauben, dass Hans Liberg uns für dumm verkaufen will, dann haben Sie sich getäuscht. Er schlägt die moderne Konsumgesellschaft mit ihren eigenen Waffen. Schon nach den ersten zehn Minuten des Programms gibt sich der Durchschnittshörer in der Regel geschlagen – gerade war‘s noch Bach, dann „Hey Jude“ von den Beatles, dann die Erkennungsmelodie von Flipper, oder war das Fury? Wie war das damals noch im Fernsehen? Und schon ist man abgehängt mit seinem fundierten Lexikonwissen in diesem Übermaß an Information und Informationsfluss. Dabei ist es doch alles ganz kurz („die Leute können sich nicht lange konzentrieren“) und extra leicht verständlich gestaltet („sonst will es der Kunde nicht“).
Wer zu Beginn von Hans Libergs Programmen noch Sachverstand zu haben glaubte, gibt sich am Ende des Abends geschlagen. Da ist es dann doch besser, einfach nur zuzuhören, sich zurückzulehnen und diesem furiosen Abenteuer irgendwo zwischen Entertainment, Konsumkritik und neckisch erhobenem Zeigefinger hinzugeben, um schließlich zuzugeben, dass er der Gebildetere ist. Er hat gewonnen, der Mann mit den Rapperhosen und der Sonnenbrille, der sich auch gelegentlich eine Bachperücke überstreift oder einen Smoking anzieht. Im Prinzip läutet Hans Liberg mit seinen Programmen das Ende des Bildungsbürgertums ein. Schamlos zeigt er uns, dass wir unsere eigenen Ikonen nicht mehr kennen, dass unser Umgang mit den unvergänglichen Werten des Abendlandes längst von der Kurzlebigkeit von Aktienkursen und Tagegeldkonten geprägt ist – dass das Fernsehen mit seinen Videoclips und pixelgenau bearbeiteten Bildern Mittelpunkt unseres kulturellen Lebens geworden ist. Folgerichtig kam Liberg mit seinem Programm „Liberg zaps himself“ richtig gut an. Beim Zappen kann fast jeder mitreden. Dafür spricht auch, dass „Liberg zaps himself“ in so unterschiedlichen Ländern wie der Schweiz, den USA und Kanada mit Preisen ausgezeichnet wurde. Die Fernbedienung ist allgegenwärtig und international. Wer sich das zu Herzen nimmt, kann auch mit klassischer Musik die Konzertsäle wieder voll bekommen.

Ein akzentfreier Showmaster

Hans Liberg ist ein Multitalent. In den meisten Fällen verzeiht man es Kabarettisten gerne, wenn sie nicht singen können, oder nur ein Instrument beherrschen – denn meistens können Sie einfach nur gut reden. Hans Liberg gibt es nichts zu verzeihen. Er ist einfach perfekt auf der Bühne, kann jeden Gesangsstil von Elton John bis zum arabischen Muezzin nachahmen. Selbstverständlich ist er auch ein ausgezeichneter Pianist, bei dem man genau hört, dass die falschen Töne, die er mit größter Präzision anbringt, genau so gewollt sind. Nur so ist es zu erklären, dass so bekannte Musiker aus dem „ernstzunehmenden“ klassischen Bereich wie Stargeiger Gidon Kremer oder die deutsche Dirigentenlegende Hartmut Haehnchen gemeinsam mit ihm aufgetreten sind.
Apropos Legende: Anläßlich der Eröffnung des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte trat Hans Liberg gemeinsam mit der amerikanischen Ausnahmesängerin Laurie Anderson auf. Weitere legendäre Zusammentreffen gab es mit Alfred Biolek (wobei der Holländer von seiner Liebe zu Eintöpfen und den Gerichten seiner deutschen Großmutter schwärmte), mit dem holländischen Königspaar (1995) und natürlich als potentieller WG-Bewohner bei Christine Westermann und Götz Alsmann (2002). Würden Sie diesen Wirbelwind in Ihre WG lassen? Das Publikum entschied sich damals mit über 80% für den Kabarettisten. (Die 100-prozentigen Deutschen wissen eben nicht, was gut ist.)
Hans Liberg ist selbst ein großartiger Showmaster, und moderiert seine Auftritte mit der selbstgefälligen Gelassenheit eines Talkmasters, um uns dann, sind wir erst einmal eingewickelt, wieder seine hanebüchenen Geschichtsverdrehungen unterzujubeln. Gelegentlich legt er die Gürtellinie dabei recht weit nach unten. Krankheiten oder irgendwelche Gebrechen sollte man als Musiker vor Hans Liberg lieber verschweigen. (Für Beethoven und sein nachlassendes Gehör kommt diese Warnung allerdings zu spät.)
Ein weiteres Plus des Hans Liberg ist, dass er akzentfrei Fremdsprachen beherrscht. In Deutschland ist man, was niederländische Showtalente betrifft, von Rudi Carell ein wenig vorbelastet. Liberg ist im Gegensatz zu ihm fast enttäuschend polyglott. Er spricht Englisch und Deutsch beinahe wie ein „native speaker“ – und zeigt auch hier wieder, dass man zum Witze machen nicht dumm sein oder Sprachschwierigkeiten haben muss. Im Gegenteil: es geht auch anders.
So fragt man sich gelegentlich, warum dieser Mann eigentlich seine zahlreichen Talente auf der Kabarettbühne verschwendet. Oder, wie sein Sohn es im Alter von vier Jahren gesagt hat: „Papa, du spielst so schön Klavier, warum redest du immer dazwischen?“ Aber das Kabarett ist nun einmal seine Welt, und entdeckt hat er diese eigentlich ganz zufällig, als er bei einem Auftritt in einem Schülermusical mit seinem Instrument nicht zurecht kam und improvisieren musste. Das gelang ihm so gut, dass er beschloss, diese Situation zu seinem Broterwerb zu nutzen – trotz aller Diplome und in langen Jahren erworbenen Fähigkeiten. Auch nach 20 Jahren Kabarett sucht der versierte „Sitdown-Comedian“, wie er sich selbst gerne nennt, immer wieder nach dieser Schrecksekunde, nach dem Augenblick, wo sein spontanes Handeln gefragt ist. So agiert er bisweilen auf Zuruf, oder läßt Platz für freie Improvisation in seinen Shows: „Ich habe nichts vorbereitet, was wollen Sie hören?“ – Diese Situation, die den Normalmenschen das Fürchten und Laufen lehrt, ist der angestammte Platz des kahlköpfigen Mannes aus Amsterdam. Hier läuft er zu Hochform auf. In gewisser Weise ist er der Thomas Gottschalk der Musikwissenschaft. Was das ist? Keine Ahnung.

Mirjam Schadendorf