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Clemencic Consort
Chantar d’Amors


Musik der provencalischen Troubadours

René Zosso: Gesang und Radleier
Tamás Kiss: Tenor, Radleier und Kobos
Markus Foerster: Kontratenor
Marco Ambrosini: Schlüsselfidel, Dudelsack, Schalmei und Muschelhorn
Esmail Vasseghi: Hackbrett, Tambourin, Trommel, Schellen und Päuklein
René Clemencic: Galoubet, Hornflöte, mittelalterliche Blockflöten und Leitung

Lieder von Bernart de Ventadorn, Peire Vidal, Raimbaut de Vaqueiras, Jaufre Rudel, Gaucelm Faidit u.a.

Das Leid mit der Liebe

„Gaucelm Faidit war der Sohn eines Bürgers. Er sang schlechter als irgendjemand sonst auf der Welt; aber er machte sehr gute Melodien und gute Texte. Er wurde Spielmann als er sein ganzes Vermögen beim Würfelspiel verlor....“

„Bernart de Ventadorn stammte aus dem Limousin, vom Schloss der Ventadorns. Er war arm von Geburt, der Sohn eines Bediensteten, der die Öfen anfeuerte, in denen das Brot für die Herrschaften auf dem Schloss gebacken wurden. Und er wurde ansehnlich und klug, und wusste angenehm zu singen und Lieder zu machen, und er wurde höflich und weise. Sein Herr, der Graf, mochte ihn und erwies ihm große Ehre. Der Graf hatte eine Frau, jung edel und voller Schönheit....“

So beginnen sie, die Geschichten von der großen Sängern aus dem mittelalterlichen Frankreich. 900 Jahre ist es her, dass diese Lebensgeschichten notiert wurden, doch meinen wir sie zu kennen. So unbekannt ist uns das nicht, was den einfallsreichen jungen Herren mit den schönen oder grausigen Stimmen widerfahren ist. Es sind Geschichten von gestrandeten Edelleuten, die schließlich in der Kunst ihr Glück versuchen; Geschichten von aufstrebenden Arbeitersöhnen, die sich nach Ruhm und Ehre sehnen und schließlich in komplizierte Liebschaften verstricken und am Ende leer ausgehen. Sollte es wirklich das Mittelalter sein, das uns diese Geschichten erzählt? Es sind über die Jahrhunderte immer die selben Stoffe gewesen, die die Menschen fasziniert haben, heute wie vor vielen hundert Jahren. Doch das Kleid, in dem diese Stoffe erscheinen, die Form, hat sich immer wieder verändert.

Rockende Troubadours

Noch vor gut 50 Jahren galt die Musik des Mittelalter als fernes und weltfremdes Kulturgut, aufgehoben in verstaubten Vitrinenschränken, spannend allein für dickbebrillte Wissenschaftler. Doch mit dem Aufkommen der Weltmusik und der Suche nach echter, unverfälschter Volksmusik geriet auch die frühe Musik des europäischen Kontinents wieder neu in den Blickwinkel eines größeren Interesses. Auch hier gab es authentische und spielfreudige Traditionen aufzufinden, auch hier war eine Musik praktiziert worden, die das Ritual, die Gemeinsamkeit und das Klangerlebnis an sich in den Mittelpunkt stellte – Elemente, nach denen ein großes Publikum, das die Konzerttradition des 19. Jahrhunderts endgültig satt hatte, sich sehnte. Und so traten sie auf, die rockenden Troubadours und plänkelnden Minnesänger frei nach Walther von der Vogelweide, zwischen den Narren und Joglares auf den Mittelaltermärkten, die nun schon lange wieder in Mode sind.

Provençalische Singer-Songwriter

Doch es ist nicht so einfach mit der Aktualisierung des Liedgutes aus dieser Zeit. Denn während die Kirchenmusik seit dem 9. Jahrhundert aufgeschrieben wurde, war das, was auf den Straßen und in den Wirtshäusern erklang, selten in schriftlicher Form vorhanden. Die Sänger und Spieler wussten schon, wie das ging – sie brauchten keine Noten. Man nahm eine bestimmte Melodie, die schon lange im Umlauf war, machte einen neuen Text darauf, passte die Melodie der neuen Textstruktur an – und fertig war das neue Stück. Je nachdem, was für Instrumente vorhanden waren, ergab sich die musikalische Untermalung. Niedergeschrieben wurden in der Regel nur die Texte, denn sie waren das eigentlich Neue und die individuelle Leistung des Liedschreibers, der ein echter Singer-Songwriter im modernen Sinne war.
Tatsächlich gibt es jedoch einige Notenhandschriften aus der produktiven Zeit der provençalischen Troubadours zwischen 1100 und 1250. Wenn ein Lied aufgeschrieben wurde, kann man daraus verschiedene Schlüsse ziehen: Entweder war der Komponist reich und berühmt, und konnte es sich leisten, seine „Werke“ in schriftlicher Form abfassen zu lassen, wie etwa bei Wilhelm von Aquitanien, der nicht nur einer der ersten Troubadours, sondern auch ein einflussreicher Lehnsherr war. Oder aber, und dieser Fall ist meist die Regel, die Lieder waren so bekannt geworden, dass sie ihren Weg in Sammelhandschriften oder kursierende Notenblätter fanden. Das Lied von Bernart de Ventadorn, in dem er sich anläßlich einer die Flügel schwingenden Lerche über die unzuverlässigen Frauen ausläßt, findet sich beispielsweise in mittelalterlichen Handschriften. Die Melodie des Liedes ist an die Floskeln des Gregorianischen Chorals angelehnt – dem Maß aller Dinge zu dieser Zeit. Möglicherweise war dies ein Grund, warum das Lied aufgezeichnet wurde.

Mick Jagger und die Hohe Liebe

Mit dem uns heute überlieferten Liedrepertoire der französischen Sänger und Spieler liegt uns also nur eine winzige und nicht unbedingt repräsentative Auswahl dessen vor, womit sich Volk und Adel im Mittelalter vergnügte – sozusagen die Spitze des Eisberges.
Und selbst mit diesem überlieferten Notenmaterial gibt es noch Probleme. Mit Sicherheit für uns zu identifizieren sind häufig nur die Texte der Lieder. Eine Notation der Melodien ist oft nur angedeutet. Schon bei der Frage des Rhythmus raufen sich viele Forscher die Haare. Und wie begleitet, wie improvisiert wurde – das überläßt das Quellenmaterial in der Regel der Phantasie der spätgeborenen Forscher.
Und so sucht sich jede Zeit ihren eigenen Weg durch die Interpretation dieses einzigartigen Materials. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wählte man in der Tradition der Jugendbewegung eine vorsichtige, sanfte Vortragsweise. Von der Sinnlichkeit der Liebe war hier nicht viel zu spüren. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts vermehrten sich dann die Stimmen, die den altfranzösischen Rittern eine Haltung à la Mick Jagger verpassen wollten. Den Stein der Weisen kann hier kaum jemand finden – musikalisches Einfühlungsvermögen, historische Kenntnisse und eine ordentliche Portion Mut und Kreativität gehören mit Sicherheit zum Rüstzeug derjenigen, die die Welt der „hohen Minne“ und der „aventiure“, der Klöster und Höfe musikalisch erforschen wollen.
René Clemencic, mit allen Wassern gewaschener Musiker und Schriftsteller, hat sich den alten Quellen mit der ihm ganz eigenen Verve verschrieben und läßt mit seinem Ensemble die mittelalterliche Welt in einer überzeugenden Version wieder erstehen. Hier gibt es die rauen Klänge der ungeschliffenen Straßenmusik, die ungeschulten Kehlen der Sänger, die den Kehrreim mitbrüllen und hier gibt es das Knarzen der Drehleier, die beinahe mehr Geräusche als Töne verursacht.
Die Interpretation, die Tamas Kiss etwa von Bernart de Ventadorns „Lerchenlied“ gibt, ist ein Versuch, eine Version, diese ungeheuer schmerzhafte Liebesklage lebendig werden zu lassen - mit Körpereinsatz, mit allen menschlichen Registern von Liebeskummer und Depression. Ob das Lied von der Lerche vor 900 Jahren auch so gesungen worden ist, wissen wir nicht. Doch auch vor 900 Jahren ging es dem Musiker darum, seine Gefühle dem Publikum deutlich zu machen.

Die ewige Love-Story

Natürlich gab es damals wie heute gesellschaftliche Verabredungen, welche Themen in der Kunst abgehandelt werden sollten. Damals wie heute stand die Liebe zwischen Mann und Frau an erster Stelle – denn sie geht alle an. Und damals wie heute gab es Verabredungen, wie dieses Verhältnis darzustellen war. Wir wähnen uns mit der Gleichberechtigung der Geschlechter, der sexuellen Revolution und der allmählichen Auflösung der Institution Ehe so weit entfernt vom Mittelalter mit seinen Burgfräulein und Vernunftehen, doch was den Inhalt erfolgreicher Songs betrifft, ist die Distanz eher gering: Die unerfüllte oder zumindest unerlaubte Liebe, ungesagte oder abgeschmetterte Liebeserklärungen sind nach wie vor ein Garant für volle Säle und Kassen. Die unbekannte Frau, die kommt und geht, wann sie will, ist etwa in den 90er Jahren lange ein Renner gewesen, sei es als „She came To Me One Morning“ oder in „Ruby Tuesday“, bei den Troubadours war das „Tage- oder Morgenlied“ ein Schlager, das den Ehebrechern galt, die sich bei Tagesanbruch verabschieden mussten. Genauso beliebt war die Schwärmerei für die Frau von Adel, die natürlich unerreichbar war. Sollte sie dennoch „erreicht“ werden, so musste die Geschichte denkbar schlecht ausgehen – Entdeckung durch den Ehemann, im schlimmsten Fall Entmannung des Übeltäters, im besten Fall wartete das Kloster.

Mittelalterliche PR-Agenten

Gerade weil das Sprechen und Singen über die Liebe damals wie heute normiert war, dürfen wir den Geschichtenerzählern des Mittelalters nicht alles glauben. Die „Vidas“, die Lebensbeschreibungen der Sänger waren den Normen entsprechend erfolgsbringend stilisiert. Ganz so wie es heute die PR-Agenten tun, und ihren Schützlingen eine dem Geschmack der Massen angepasste Persönlichkeit verpassen. Viel Leid versprach in der Regel viel Ehr. Und damals wie heute eignete sich ein verheirateter Sänger nur wenig zum Star – wie sollte man einen ehrbaren Familienvater denn noch anschwärmen?
Tatsächlich liegt in den Versen, die die südfranzösischen Musiker erfunden haben, ein großer kulturhistorischer Gewinn. Sie hatten sich hier an ein genaues Schema zu halten, das die Zahl der Silben und die Abfolge der Reime betraf. Dass die Lyrik der Troubadours trotz künstlerischer Gesetze immer noch so subjektiv und gefühlvoll wirkt, ist das besondere an ihrer Kunst, die in vielerlei Hinsicht einzigartig ist. Um 1300 war es mit dieser Mode vorbei. Was dann kam, war entweder geistlich verbrämte Lyrik oder brave Liedchen mit vorgegebenen Inhalten, die nichts mehr mit den extremen Gefühlen der Südfranzosen gemein hatten.
Übrigens standen die Französinnen ihren Männern in nichts nach. Spielfrauen waren besonders beliebt – nicht nur weil sie meist besser singen konnten als ihre männlichen Kollegen, sondern weil sie Publikum anzogen – garantiert. Doch auch unter den Adligen gab es Troubadouras, die mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen die Liebe besangen. Die unbestrittene Frontfrau der provençalischen Troubadours ist Beatriz de Dia, die – wie sollte es anders sein – ihren braven Gatten mit einem schneidigen Troubadour betrog. Auf Dauer wurde sie mit diesem Herrn natürlich nicht glücklich..... Jedes Jahrhundert kennt solche Geschichten.

Mirjam Schadendorf