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Das Schicksal einer Volksmusik

Die Geschichte des Klezmer ist genau so verwirrend wie die Geschichte jeder Volksmusik. „Den Klezmer“ gibt es nicht – es gibt seine verschiedenen Ausprägungen in unterschiedlichsten Epochen und Regionen. Im Gegensatz jedoch zu Volksmusikstilen, die eher in beschaulichen Gewässern treiben, wie etwa den „Blue Grass Fiddlern“ der Blue Mountains oder der „Stubnmusi“ oberbayerischer Dörfer, hat der Klezmer eine bewegte Geschichte vorzuweisen. Denn während die Fiedler der ostamerikanischen Bergwelt nie von ihrem Heimatort vertrieben wurden, und ähnliches gilt für die oberbayerischen Zitherspieler, so sind die Juden Osteuropas und mit ihnen ihre Musik, zahllosen Bedrohungen ausgesetzt gewesen. Und so hat an dem Klezmer nicht nur der Zahn der Zeit genagt, sondern er ist mit den Vertreibungen und Umsiedelungen jüdischer Bevölkerung auch immer wieder neuen Einflüssen, fremdartigen musikalischen Stilen ausgesetzt gewesen.
Die Musik, wie sie in den jüdischen Kapellen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gespielt wurde, kennen wir heute nicht mehr. Sie wurde vom europäischen Antisemitismus, der schließlich im deutschen Nationalsozialismus kulminierte, unwiederbringlich ausgelöscht. Das was wir heute als Klezmer bezeichnen, ist eine Weiterentwicklung dieser Musik, die mit den osteuropäischen Emigranten, die auf der Flucht vor den Judenprogromen waren, nach Amerika kam. Wichtig für das Überleben des Klezmer waren die ukrainischen Emigranten, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika flüchteten.

Die Emigration des Klezmer

Hier in der Ukraine, lag gewissermaßen das Herz der osteuropäischen jüdischen Kultur, das nun seinen Weg in die Neue Welt nahm. Musiker wie die Epstein Brothers und ,als einer der ersten, der Klarinettist Dave Tarrasch begannen hier eine neue Epoche des Klezmer einzuleiten. Aufbauend auf dem, was sie von ihren Vätern gelernt hatten, schufen sie den amerikanischen Klezmer – ohne dass dies ihnen wirklich bewusst gewesen wäre. Die vier Epstein Brothers waren in Brooklyn geboren, wie man jüdische Hochzeitsmusik spielt, lernten sie von ihrem Vater, der aus der Ukraine stammte. Dave Tarrasch dagegen, der ursprünglich einmal Dovid Tarraschuk hieß, war um die Jahrhundertwende in der Ukraine geboren, und hatte 1921 sein Land verlassen.
Auch wenn Tarrasch in Ellis Island seine Klarinette abgeben musste, wo man sie „aus Desinfektionsgründen“ vernichtete – der junge Mann schaffte den Sprung ins Musikerleben erneut und trug wesentlich zur Erneuerung des Klezmer bei. Er trat im Radio auf, in großen Shows und – natürlich – in den großen jüdischen Hotels. Die amerikanische Musikkultur prägte diesen Klezmer, mit den Blasinstrumenten der Dixieland-Kapellen, mit ihrem Off-beat-Sound und ihren von starken rhythmischen Akzenten geprägten Strukturen. Auf der Welle der „Golden Twenties“ machten auch die Epstein Brothers ihre erste große Karriere. Doch mit dem Börsencrash und der anschließenden Weltwirtschaftskrise war es vorbei mit dem Boom in der Unterhaltungsindustrie. Und während sich nach dem Krieg Swing und Jazz wieder zum populären Vergnügen entwickelten, blieb die jüdische Unterhaltungsmusik auf der Strecke.

Endlich wieder in Europa

„Wir waren so schockiert und überrascht, dass überhaupt jemand diese Art Musik hören wollte. Als wir entdeckten, dass sie nicht einmal Juden waren, waren wir völlig schockiert. Warum sollte jemand, der nichts über jüdische Musik weiß, sich für etwas interessieren, das rein jiddisch war.“ Als die Epstein Brothers zu Beginn der 90er Jahre ihr ersten Konzert in Berlin gaben, wussten sie gar nicht, wie ihnen geschah. Sie hatten ihre Musik bis dahin als eine Art Nischenkultur betrachtet – sie spielten zu ganz bestimmten Anlässen, in der Regel für ein jüdisches Publikum. Dass sie plötzlich auf dem freien Musikmarkt Erfolg hatten, war den inzwischen kurz vor dem Rentenalter stehenden Männern nicht ganz geheuer. Noch als alte Männer, als Vertreter der 2. Generation der Einwanderer, durften sie erleben, dass die „Arme Leute-Musik“ ihrer Väter plötzlich hip wurde, und die Kassen von Schallplattenfirmen und Konzertveranstaltern füllte.
Mit dem Weltmusik-Boom begann auch für den Klezmer eine neue Zeit. Nun, wo diese Musik nach Europa zurückkehrte, traf sie auf eine veränderte Situation, auf neue Gepflogenheiten und Spielpraxen. Andere Volksmusikstile, wie der Tango, waren populär und im Rahmen dieser Popularität erneuert worden. Genauso wichtig wie die aktuelle musikalische Situation war jedoch die politische. Strenggenommen gab es in Westeuropa keinen Antisemitismus mehr, dafür jedoch erstarkende jüdische Gemeinden, die vor allen Dingen durch Zuwanderer aus Russland anwuchsen – und damit aus der Heimat dieser Musik. Somit wurde die jüdische Volksmusik, nachdem sie Jahrzehnte lang in Europa ignoriert wurde, plötzlich aus zwei Quellen neu gespeist: Dem Weltmusik-Trend und ihren eigenen, wieder erstarkenden Wurzeln.

Verstecktes Judentum

Eine besondere Situation galt für die ehemaligen Ostblock-Länder. Hier hatte das jüdische Leben noch bis zur Perestroijka ein Schattendasein geführt. Anti-jüdische Schauprozesse unter Stalin brachten die Ausübung jüdischer Bräuche zum Erliegen. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes standen viele jüdische Gemeinden vor dem Nichts: Juden, die nichts über ihre Religion wussten, keinen Zusammenhalt und kein Gemeindeleben kannten. Besonders problematisch war die Situation in Ungarn. Hier herrschte schon das ganze 20. Jahrhundert über die Praxis des „versteckten Judentums“. Während im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit Juden hier relativ unbehelligt leben konnten, brach mit der Herrschaft der Habsburger eine schwierige Zeit für die jüdische Bevölkerung an. Durch die ungarische Revolution schien die Gleichberechtigung jüdischer Bürger wieder gewährleistet, doch die Ausgrenzungen nach dem Ende des 1. Weltkriegs machten alle Hoffnungen zunichte. Mit einem sogenannten „Numerus clausus“ wurde den Juden der Zugang zu den Universitäten erschwert. Eine Teilnahme am bürgerlichen Leben war am sichersten durch die Verleugnung der Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben zu erreichen.
So brachte der Fall des Kommunismus in gewisser Weise in Ungarn nur ältere Strukturen zum Vorschein: latenter Antisemitismus, Duldung einer im privaten ausgeübten Religion. Wer durch Budapest geht, und nach Zeichen jüdischen Lebens Ausschau hält, wird sich wundern, wieviele Synagogen in Hinterhöfe, zwischen herrschaftliche Mietshäuser des 19. Jahrhunderts gezwängt sind. Und dabei hat Ungarn mit dem „Tabaktempel“ die größte Synagoge Europas und mit 100.000 Juden die viertgrößte jüdische Gemeinde in Europa. Hier ist es nichts ungewöhnliches, abfällig über Juden zu reden, rechtsradikale Parteien sind salonfähig und eine heranwachsende, aufgeklärte Schicht junger ungarischer Juden hat alle Hände voll zu tun, um eine moderne Form des Miteinanders zu etablieren.

Phönix aus der Asche

Unter diesen Aspekten war es ein mutiger Schritt von Ferenc Jávori, direkt im Jahr nach dem Fall des Regimes, eine Klezmer-Gruppe zu gründen. Jávori stammt aus Munkacevo, das heute in der Ukraine liegt, und früher Munkács hieß. Er gehört zu den wenigen, die die Klezmer-Tradition noch kennen. Hier gibt es in gewisser Weise einen „Seitenarm“ in der Entwicklung des Klezmer. Ohne den Umweg über Amerika, hat sich hier noch eine Form der direkten Überlieferung gehalten. Jávori wusste um die Bedeutung dieser Überlieferung und machte sich ohne Umschweife daran, sie erneut mit der „Budapest Klezmer Band“ zum Leben zu bringen. Dass die achtköpfige Truppe zunächst in Westeuropa außerhalb Ungarns auftrat, ist nicht weiter verwunderlich. In Israel, Luxemburg, Frankreich und den Niederlanden spielten die neugeborenen „Klezmorims“. Umso überraschender ist dagegen die Tatsache, dass sie nach sechs Jahren schließlich auch den Durchbruch in ihrem Heimatland schafften. Zunächst noch als Touristenattraktion vom heimischen Fremdenverkehrsamt engagiert, erarbeiteten sie sich schließlich, einen festen Platz im Kulturleben Budapests. Inzwischen sind sie ständiger Gast im Madách-Theater, wo sie die Produktionen von „Fiddler on the Roof“, „Purim“ und „The Wedding-Dance“ musikalisch gestalten. Für einige der Theaterproduktionen haben sie eigens die Musik geschrieben.
Der Erfolg ist den ungarischen Musikern jedoch nicht zufällig in den Schoß gefallen. Ferenc Jávori, weit davon entfernt, ein konservierendes Auge auf die Musik seiner Vorfahren zu haben, machte mit dem Klezmer genau das, was auch die Epstein Brothers gemacht hatten: Er öffnete die Volksmusiktradition der Folklore anderer Länder und den derzeit aktuellen Stilrichtungen. So kommt es, dass die Budapester Musiker zwar alte ukrainische Klezmermelodien spielen, aber auch Tango, Jazz, Swing und Dixie in ihre Stücke mit aufnehmen. Jávori ist es gelungen, erneut das Stilgemisch zu erzeugen, das eine Volksmusik erst interessant macht: Ihre Fähigkeit, sich zu erneuern aus dem Wohl und Wehe ihrer Geschichte.

Modernes Judentum

Rasant und voller rhythmischer Finesse, dann wieder rau und mit melancholischem Pathos verführen die Ungarn ihre Zuhörer – sie führen sie sozusagen einmal um die Welt. Von Munkács nach Amerika, weiter nach Lateinamerika, wieder zurück in die großen europäischen Kulturen, um schließlich wieder im heimischen Budapest anzukommen.
Dabei verwenden sie die traditionellen Formen der jüdischen Folklore: Den Freilach – für jiddisch fröhlich - , einen aus geraden und ungeraden Taktgruppen zusammengesetzten Tanz, den Nigun – „Melodie“ , ein Lied in mittlerem Tempo oder die Sirba, ein geradtaktiger Tanz, der von Triolen begleitet wird. Damit ähnelt dieser Tanz, der aus der Moldaugegend kommt, dem böhmisch-österreichischen Ländler, der von dem selben Effekt getragen wird.
Neben den traditionellen Formen lieben die Musiker es, Experimente mit ihrem Volksgut anzustellen: So etwa in „Klezmer Five“, einer Variation über Dave Brubecks „Take Five“, oder im „Yiddishe Tango“, der die beiden Stile in überraschendem Einklang zusammenführt. Natürlich spielen sie auch das, was im kollektiven Bewusstsein vieler Europäer von der jüdischen Kultur übrig geblieben ist: Etwa Shlomo Secundas „Bei mir bist du schön“ oder „Donna Donna“, das in den 70er Jahren eine ganze Generation von Jugendlichen zur Gitarre zum Besten gab, ohne zu wissen, woher es eigentlich stammte.
So ist die Arbeit der Budapest Klezmer Band in vielerlei Hinsicht Pionierarbeit: In der Entwicklung eines aktuellen Klezmerstils, in dem Bemühen, den Klezmer in Ungarn wieder heimisch zu machen. Gleichzeitig machen die Musiker um Ferenc Jávori nichts anderes als das, was ihre Vorfahren seit vielen Jahrhunderten auch getan haben: Sie gehen kreativ mit den überlieferten Modellen um, fügen etwas hinzu, nehmen etwas anderes weg und halten so „ihre“ Volksmusik am Leben. Ganz so wie die Geiger in den Blue Grass Mountains oder die oberbayerischen Zitherspieler.

© Mirjam Schadendorf 2007