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Gilles Apap and the colors of invention


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  Gilles Apap and the Colors of Invention  

Gilles Apap and the Colors of Invention



mit Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“
Gilles Apap, Violine
Myriam Lafar, Akkordeon
Ludovic Kovac, Cymbalum
Phillippe Noharet, Kontrabass


Ein großes Wort

Yehudi Menuhin hat von Gilles Apap gesagt, dass er der wichtigste Geiger des 21. Jahrhunderts werden würde. Wenn Autoritäten ihre Zöglinge an die Öffentlichkeit und auf die Plätze in der ersten Reihe bringen, glaubt man ihnen nur zu gern, und öfters auch mal blind. Unsere Sehnsucht nach Wunderkindern, Stars und Superstars ist groß geworden. Schauen wir ihn uns doch erst einmal genau an, diesen Gilles Apap, bevor wir uns diesem mächtigen Urteil anschließen. Und da wir bereits im 21. Jahrhundert sind, bietet sich der cyberspace für eine virtuelle Begegnung an. Unter www.gillesapap.com begrüßt uns ein in glitzernde Seide gehüllter Gilles, ganz entspannt im Lotussitz, und gibt uns per Mausklick Informationen über sein „big ego“, „how my big ego got deflated“ und andere grausame Dinge, die ihm während seinem Studium an diversen Musikhochschulen der Welt widerfahren sind. Wir sehen schon, ein sensibler Musiker wartet auf uns, der sich zudem für die indischen Ganzheitslehren zur Erklärung des menschlichen Daseins entschieden hat. Der Besucher darf ganz ohne Scham auf die Chakren des Meister klicken, die dann in der entsprechenden Farbe aufleuchten Es geht auch ein wenig unernst zu auf dieser Seite, wie uns vor allen Dingen das Cookbook des Gilles Apap lehrt. Neugierige auf der Suche nach kulinarischen Köstlichkeiten von der Hand eines sensiblen Geigers zubereitet, werden per Mausklick auf das im Gaumenbereich angesiedelte Chakra enttäuscht. Hier findet man den Location Guide von In’n Out Burgers für Santa Barbara und Umgebung. Gut, Kochen ist nicht seine Stärke, die liegt mit Sicherheit anderswo.

Anti-Starkult

Wer Gilles Apap schon einmal gehört hat, wird eine gewisse Tendenz zum Understatement in dieser Präsentation feststellen. Hier versucht einer, mit Lifestyle, indischer Religion und lässiger Begeisterung für American Blue Grass Fiddler zu verbergen, dass er genau das ist, was Yehudi Menuhin von ihm gesagt hat: Einer der wichtigsten Geiger des 21. Jahrhunderts.
Ganz egal, ob man seine Mozart-Einspielungen, seine wundersame Vivaldi-Verwandlung oder sein ganz persönliches Repertoire von Fritz Kreisler bis Ravel hört. Was da begeistert, was den Hörer anrührt, ist weniger das Was, als das Wie: Dieser leichte, fast spielerisch hingeworfene Klang seines Instruments, der eine unglaubliche Anziehungskraft ausübt. Apaps Geige produziert Töne, deren Ausstrahlung und Bedeutungstiefe sich am besten mit dem Adjektiv „innig“ umschreiben lassen: Da gibt es keine Distanz zum Gespielten, da gibt es keine Lücke zwischen Urheber und Instrument, sondern eine fast kindliche Naivität, mit der sich der Musiker dem Werk verschreibt und anvertraut – und somit seine Zuhörer einlädt, ein Gleiches zu tun.
Aber das 21. Jahrhundert ist noch mehr als Karriere, Erfolg und Präzision. Das 21. Jahrhundert bedeutet auch Starkult, egal für wen und warum, bedeutet Durchleuchtung der Persönlichkeit, Lässigkeit und Arroganz zugleich. Auch auf dieser Ebene folgt Apap dem Diktum seines Mentors: Er ist ein Künstler des 21. Jahrhunderts mit seinen Bühnenshows, die das Publikum in zwei Hälften teilen. Für die Ablehnenden unter ihnen hat Apap eine eigene Rubrik ins Internet gestellt – auch die Beschwerden über den Auftritt im T-Shirt, und die unpassenden Country-Einlagen machen sein Image aus. Apap macht sich den alles und jeden erfassenden Starkult unserer Tage zu nutze, in dem so profane Dinge wie Hamburger im kalifornischen Santa Barbara und ein entspannendes Wannenbad mit ein paar Tropfen Sandelholzöl wichtige intime Informationen über die Person des Künstler darstellen.

Vivaldi aus dem Global Village

Mit seiner Version von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ begibt sich Gilles Apap in den Sog der Weltmusik, in die Globalisierung aller musikalischen Dörfer unserer Erde – einer Tendenz, die längst dazu geführt hat, dass wir europäischen Hörer nicht mehr in der Lage sind, zwischen authentisch und vermittelt zu unterscheiden. Für Gilles Apap, den seit seinem siebten Lebensjahr klassisch gedrillten Geiger, muss es eine Befreiung gewesen sein, mit amerikanischen country-Musikern zusammentreffen, mit Banjo-Spielern und Geigern aus den Blue Ridge Mountains, einer lange Jahre isolierten, ländlichen Gegend in North Carolina. Einfach nur Musik, so wie sie immer gewesen ist. Er hat seine neuen Gründerväter, die er im zarten Alter von 27 Jahren kennengelernt hat, namentlich auf seiner website genannt: Tommy Jarrel aus den Blue Ridge Mountains, den Iren Kevin Burke, den Vater des Blue Grass Style Bill Monroe und den Cajun-Fiddler Dennis McGee aus dem französisch gefärbten Louisiana. Es ist an sich nichts Neues, immer wieder gab und gibt es in der Musikgeschichte Tendenzen, mittels simpler Volksmusik die gehobeneren Schichten der Kunstproduktion zu erneuern. Manch einer mag sich an Mark O’Connor erinnern, der vor ein paar Jahren den umgekehrten Sprung versucht hat, und dabei leider auf den Kopf gefallen ist – die selbst geschriebenen Konzerte des Fiddler-Stars mochten die europäischen Klassikfans denn doch nicht hören.
Und wer Gilles Apap bluegrass Tiraden, seinen Reels und Rags aufmerksam zuhört, wird schnell feststellen, dass hier nicht das Herz des Geigers liegt, auch wenn er es uns gerne glauben machen möchte. Sicher, Apap zeigt sich gewandt, spielerisch und unbekümmert, aber eben wieder mit der charakteristischen Leichtigkeit seines Tonfalls. Volksmusik ist immer auch die Musik der daheim Gebliebenen, die eine gewisse Schwere und Melancholie aus ihrem Tonfall nicht vertreiben können. Und so einer ist Gilles Apap nun mal nicht: Im algerischen Bougie geboren, in Südfrankreich aufgewachsen und schon bald in den Metropolen der Welt zu Hause, kann er diese Schwere nicht verkörpern.

Kreative Umwege

So scheinen die folk-Ausflüge eher etwas von pubertären Ausbrüchen zu haben, Ventile für den angestauten Druck einer klassischen Erziehung. Aber dabei allein bleibt es nicht. Mit seiner Adaption eines Vorzeigewerkes der europäischen Kunstgeschichte hat der Ausnahmegeiger so etwas wie ein neues Genre geschaffen. So spielen die Musiker präzise und genau das, was Vivaldi geschrieben hat – aber zwischendrin spielen sie auch mal was anderes. Die Übergänge zwischen barocker Musiksprache und den patterns tradierter Volksmusik sind dabei so fließend und vermittelt, dass ein Bruch nicht zu hören ist.
Diese Bruchlosigkeit hat auch ihre Tücken, sie fordert dem Hörer eine konzentrierte Hörhaltung ab. Da glaubt manch einer, das Werk aufmerksam mitzuverfolgen, bis er durch gänzlich unbekannte Klänge aus seinen abschweifenden Gedanken aufgestört wird. Waren das etwa osteuropäische Rhythmen? Oder arabische Melodien? War das Improvisation oder echter Vivaldi? Vielleicht ein guter Zeitpunkt, mal wieder die barocke Komposition zu hören, um sein Gedächtnis aufzufrischen. Da gibt es plötzlich Zwiesprache zwischen der Geige und dem Bandonion von Myriam Lafar, die ganz gewagte Melodielinien einwirft. Hat Vivaldi das tatsächlich komponiert? Offensichtlich haben wir es bisher überhört. Auch wenn es am Anfang so scheinen mag, als ob Apap auf Vivaldi pfeift, zeigt sich nach längerem Nachdenken, dass er uns den berühmten Italiener eigentlich – auf kreativen Umwegen – wieder nahebringt.
Kreative Umwege – herrlich ist es, den scheppernden, klirrend kalten Winter in den metallenen Zimbelklängen von Ludovic Kovac wiederzuerkennen, oder den tänzerischen Impuls vieler Passagen ganz rein und ungeschönt wahrzunehmen – und zwischendrin unverhofft auf alte Bekannte zu treffen – Vivaldis Donnergewitter in bewährter Manier. Es ist ein Sommergewitter, was Apap uns hier präsentiert – ein Wechselbad, zwischen Alt und Neu, Bekannt und Unbekannt. Und wenn er schließlich bei seiner Leib- und Magenmusik angelangt ist – dem federnden Sound der „old time tunes“ – dann kann man nicht anders, sondern muss sich dem Charme auch dieser Musik ergeben.

Jenseits der Grenzen

Noch vor zwanzig Jahren war es undenkbar, dass ein klassisch ausgebildeter Spitzenmusiker gemeinsam mit einer Folkband sich an Vivaldis Streicherkonzerten versuchen würde. Giora Feidmans erste Versuche im Stilmix wurden von Klassikfans und Klezmorim gleichermaßen nicht gerade begeistert aufgenommen. Doch schließlich gaben ihm ausverkaufte Konzertsäle und CD-Regale recht. Inzwischen ist es soweit, dass der Bruch zwischen Klassik und Pop, Jazz sowie improvisierter Musik allmählich geschlossen wird. Lange genug hat man in der Musikwelt daraufhin gearbeitet, die starren Kanonisierungen des längst überlebten 19. Jahrhunderts aufzulösen – zum Teil gegen den erbitterten Widerstand störrischer Abonnementbesucher und gedrillter Wunderkinder des 20. Jahrhunderts. Mit Gilles Apap ist es endlich soweit: Es darf wieder gelacht werden im Konzertsaal, mit den Füßen mitgewippt werden, es darf gestaunt und gefragt werden und – das Allerwichtigste: endlich darf man seine Ohren wieder ganz aufmachen.

© Mirjam Schadendorf 2004